B1.1: Berufliche Erstausbildung (1995)

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Gremium: Landesparteitag
Sitzung: Landesparteitag Damp 1995
Bezeichnung: B1.1
Antragsteller: Landesvorstand


Beschluss: Angenommen

(Siehe auch Bildungspolitik in schwieriger Zeit - Neue Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen Erwartung und Machbarkeit (1995))


Durch das permanente Fortschreiten der technologischen Entwicklung und die Anwendung moderner Arbeitsorganisationsformen sind immer mehr berufsübergreifende Fähigkeiten erforderlich geworden. Die Neuordnung der Ausbildungsberufe hat in den Betrieben und in den Berufsschulen zu erheblichen Veränderungen der Anforderungen geführt. Insbesondere der neue handlungsorientierte Ansatz stellt hohe Anforderungen an die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften und Ausbildern.

Aufgrund dieser Veränderungen stehen heute allgemeine und berufliche Bildungsgänge von ihren inhaltlichen Anforderungen enger zusammen denn je.

Allerdings ist die schleswig-holsteinische SPD der Auffassung, daß es bei der gesellschaftlichen Umsetzung dieser Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung noch einen erheblichen Handlungsbedarf gibt.

Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Arbeit sind seit l97O zwei Millionen Jugendliche ohne Erstausbildung geblieben. Besonders betroffen sind dabei Frauen, Nichtdeutsche, Lernschwache und Behinderte. Etwa l5 Prozent eines Jahrgangs werden auch heute noch ohne abgeschlossene, anerkannte Berufsausbildung in die Arbeitswelt entlassen. Darüber hinaus werden immer mehr Jugendliche nach einer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung nicht übernommen und sind dann oftmals auf Sozialhilfe angewiesen.


1. Stärkung des dualen Systems

Das duale Ausbildungssystem der Berufsausbildung mit den Lernorten Schule und Betrieb einschließlich überbetrieblicher Ausbildung wird bejaht. 60 Prozent eines Altersjahrgangs durchlaufen bereits heute eine duale Berufsausbildung. Dessen hohe Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik wird anerkannt. Grundsätzlich erwarten wir von den Betrieben auch in rezessiven Phasen der Wirtschaftsentwicklung wie bisher die Bereitstellung von ausreichend zeitgemäßen und auf den zukünftigen Bedarf hin ausgerichteten Ausbildungsplätzen. Dabei sollten Kommunen und Länder als Träger von beruflicher Erstausbildung eine positive Vorreiterrolle spielen. Aus konjunkturellen und strukturellen Gründen ziehen sich viele Unternehmen mit kurzsichtigen Kostenargumenten aus der beruflichen Erstausbildung zurück und reduzieren die Übernahmezahlen. Dabei zerstören sie nicht nur die Zukunft vieler junger Menschen, sondern gefährden darüber hinaus ihre Konkurrenzfähigkeit; denn nur wer genügend hochqualifizierte Mitarbeiter beschäftigt, kann im internationalen Wettbewerb bestehen. Dies führt in absehbarer Zeit dazu, daß der Facharbeiterbedarf nicht mehr gedeckt sein wird.

Deshalb appelliert die SPD an die Wirtschaft, die Ausbildung eines qualifizierten Nachwuchses fortzusetzen bzw. auszubauen.

Betriebe, die sich nicht in erforderlichem Umfang an der beruflichen Erstausbildung beteiligen, sollen einen finanziellen Beitrag zur Schaffung eines ausreichenden Ausbildungsplatzangebots in Wirtschaft und Verwaltung und damit zur Zukunftssicherung leisten.

Die Landesregierung wird aufgefordert, eine dementsprechende Bundesratsinitiative einzuleiten und mit den Sozialparteien in einen Dialog zur Erreichung einer landesgesetzlichen Regelungen einzutreten.

Die SPD wird

  • die Reform des Berufsbildungsgesetzes vorantreiben, um einerseits die verbindliche Kooperation der beteiligten Lernorte sicherzustellen und um andererseits die Leistungen aus der Schule und aus dem Betrieb in eine veränderte Form der Abschlußprüfung einzubringen.
  • durch Zusammenarbeit der beruflichen Schulen über Kreisgrenzen hinweg berufspädagogische Angebote effizienter zu gestalten.
  • die Umsetzung handlungsorientierter Lernprozesse an den Lernorten Schule und Betrieb, wie sie die Neuordnung der Berufe vorsieht, vorantreiben.
  • vollzeitschulische Ausbildungen, (z. B. im Bereich der Gesundheits- und Altenpflegeberufe, Hauswirtschaft) daraufhin überprüfen, ob diese auch durch duale Berufsausbildungsgänge möglich sind.
  • die berufliche Bildung attraktiver gestalten, indem Theorie und Praxis an Berufsschulen und überbetrieblichen Ausbildungszentren stärker miteinander verzahnt und effektiver gestaltet werden. Dadurch können Auszubildende länger am Lernort Betrieb verbleiben.
  • regional abgestimmte, flexible Organisationsformen der 480-Jahresstunden Berufsschulunterricht (z. B. durch Verblockung), der überbetrieblichen Ausbildung und der Ausbildung im Betrieb umsetzen.
  • der Investitionen in Berufsbildungsstätten unter dem Blickwinkel stetiger Modernisierung gezielt auszuweiten.
  • die Unterstützung der überbetrieblichen Lehrgänge zur Förderung der Qualität der Ausbildung im Handwerk fortsetzen.


2. Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung

Die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Forderung nach Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung wird inzwischen von den Wirtschaftsverbänden geteilt. Wir wollen für diejenigen, die eine Berufsausbildung absolviert haben, weiterführende Wege im Beschäftigungs- und Bildungssystem ermöglichen. Es kommt darauf an, daß qualifiziereten Absolventen beruflicher Ausbildung vielfältige Karrierechancen eröffnet werden.

Die SPD

  • wird die Berufswahlreife in den allgemeinbildenden Schulen - auch der gymnasialen Oberstufe - durch gezielte Maßnahmen fördern.
  • begrüßt die Regelung in der neuen Berufsschulverordnung, daß Jugendliche ohne Hauptschulabschluß nach dem ersten Ausbildungsjahr in einem anerkannten Ausbildungsberuf diesen automatisch erhalten.
  • setzt sich dafür ein, daß der zusammen mit der erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildung erworbene mittlere Abschluß in allen Ländern der Bundesrepublik anerkannt wird.
  • will Möglichkeiten schaffen, daß im Rahmen der dualen Ausbildung die Fachhochschulreife bzw. allgemeine Hochschulreife erworben werden kann.
  • prüft, inwieweit Abiturienten duale Ausbildungszeiten auf ihr Studium angerechnet bekommen können.
  • unterstützt duale Ausbildungsweg für Abiturienten als Alternative zu einem Hochschulstudium.
  • wird das Studium zum höheren Lehramt im gewerblich-technischen Bereich auch in Schleswig-Holstein ermöglichen.


3. Erstausbildung für alle

Prognosen zeigen, daß bis zum Jahr 2000 und darüber hinaus der Anteil der Arbeitsplätze für Ungelernte weiterhin stark sinken wird, während der Bedarf an beruflich qualifizierten Arbeitnehmern nicht gedeckt werden kann. Deshalb muß für die Erwachsenen ein Angebot zur Nachqualifizierung, möglichst in Betrieben, geschaffen werden. Für die benachteiligten Jugendlichen müssen besondere Bildungs- und Ausbildungswege offengehalten bzw. eröffnet werden.

Die SPD wird deshalb

  • die berufsvorbereitenden Fördermaßnahmen für Jugendliche ohne Ausbildungsvertrag ausweiten mit dem Ziel, eine betriebliche Ausbildung zu ermöglichen.
  • der Ausgrenzung von Lernschwachen durch Modellprojekte wie u.a. durch den Einsatz von Ausbildungsbetreuern, Fördernetzwerke für benachteiligte Jugendliche entgegenwirken.
  • das Benachteiligtenprogramm des Bundes in seinen beiden Teilen (außerbetriebliche Ausbildung und ausbildungsbegleitende Hilfen) zu einem Förderprogramm für alle Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz ausbauen.
  • Bildungsangebote im Vollzeitbereich dort erhalten und weiterentwickeln, wo sie Benachteiligungen aufhebt, Chancen eröffnet oder neue Bildungsgänge erforderlich macht.
  • die Transparenz und Koordination der Angebote verbessern.