B2: Juso-Leitantrag Bildung (2004)

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Gremium: Landesparteitag
Sitzung: Landesparteitag Norderstedt 2004
Bezeichnung: Leitantrag B2
Antragsteller: Jusos Schleswig-Holstein


Beschluss: Angenommen

Präambel

Bildung ist das zentrale Thema der Gegenwart und besonders der Zukunft.

Das Zusammenwachsen Europas bedeutet eine noch größere Herausforderung an unser Bildungssystem, als bereits jetzt schon die Anpassung unseres tradierten Systems an die Probleme, die Pisa offenbarte. Wir müssen aus den Vergleichsstudien der letzten Jahre lernen, um nicht nur unsere Konkurrenzfähigkeit zurück zu gewinnen, sondern auch die Zukunft aktiv zu gestalten und Wettbewerbsvorteile zu sichern. Die Bildung ist kein reiner Selbstzweck, sondern stellt auch gerade unser Kapital dar. Nur ein hohes Bildungsniveau erlaubt es uns, am Fortschritt zu partizipieren, oder gar entscheidende Impulse zu geben.

Gute Bildung bedeutet aber insbesondere auch Chancengerechtigkeit. Wichtig für uns ist, dass die neuen Bildungssysteme eine qualitativ gute Bildung produzieren und jeder, unabhängig vom Geldbeutel und Bildungsstandard der Eltern, die Chance erhält einen Zugang zu allen Bildungsabschlüssen zu bekommen. Jeder Mensch soll auch später noch die Chance haben einen höheren Bildungsabschluss zu erlangen.

Bildung ist für uns ein Grundrecht. Daher wollen wir, dass eine gute Ausbildung kostenfrei ist, also ohne Kindergartenbeiträge, Bücherabgaben, Studiengebühren und Ähnliches. Die Institutionen der Bildung fungieren als Chancengewährende. Abschlüsse und Bewertungen entscheiden im großen Maße über einen Lebensweg. Deshalb müssen wir unser Bildungssystem unserer Forderung nach einer gerechten Gesellschaft anpassen. Auch die soziale Gerechtigkeit gehört zu diesem Themenkreis. Das heutige System der strikten Selektion hat den sogenannten Bildungstrichter herbeigeführt. Dies sorgt dafür, dass auch in unserer heutigen eigentlich klassenlosen Zeit, in der Regel das Milieu der Eltern über unser Bildungssystem auf die Kinder übertragen wird.

Wir Sozialdemokraten haben dagegen eine andere Tradition. Wir wollen uns deshalb stark machen für einen zukunftsweisenden Umbau unseres Bildungssystems. Wir wollen dafür Sorge tragen, dass nicht nur die Leistungsfähigkeit und Effizienz erhöht werden, sondern auch soziale Ungerechtigkeiten abgebaut werden und eine Loslösung der Lebenschancen vom sozialen Hintergrund gewährleistet wird. Das Bildungssystem muss für Menschen mit Handicap und Immigranten genauso leistungsfähig sein und ebenso Förderungsmöglichkeiten bereithalten, wie für Hochbegabte. Wir wollen unzweckmäßige Selektion abschaffen und statt dessen eine verstärkte Binnendifferenzierung in stabilen Personalverbänden einführen.

Statt Selektion durch nicht aussagekräftige Kriterien, wollen wir gemeinsame Beschulung in Sozialverbänden stärken, um individuelle Förderung zu ermöglichen und mit der Stärkung der sozialen Kompetenzen zu verknüpfen.

Es ist die zentrale Aufgabe wie auch der entscheidende Nutzen des Staates, jeden seiner Bürger optimal zu bilden. Nur so profitieren Gesellschaft und Wirtschaft. Bildung ist also Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft wie auch ein Katalysator der Forschung und Wirtschaft. Gute Bildung bedeutet nicht die Verbesserung kognitiver Förderung oder sozialer Kompetenzen - Gute Bildung bedeutet Beides.

Institutionen der Bildung allgemein

Eine gute Bildungspolitik braucht klare Strukturen. Wer Evaluation fordert, muss auch Verantwortlichkeiten benennen können. Die „Schule aus einer Hand“, also die erhöhte Autonomie der Bildungseinrichtungen, ist der richtige Ansatz. Das Land muss zu diesem Zweck Rahmenbedingungen festlegen und die Kontrolle ausüben. Nur so kann eine angestrebte Autonomie der Bildungsinstitutionen gewährleiste werden.

Dazu gehört auch das Budgetrecht mit Übertragsrecht für alle Einrichtungen, die der Bildung dienen. Allgemein ist zur finanziellen Seite der Autonomie zu sagen, dass das Konnexivitätsprinzip selbstverständlich sein muss. Die Übertragung hoheitlicher Aufgaben von einer Ebene soll der Effizienz dienen und nicht der Einsparung der abgebenden Ebene.

Weiterhin müssen alle an einem Strang ziehen. Eltern müssen stärker in die Pflicht genommen werden. Der Staat kann über seine Institutionen niemals die Pflichten der Eltern übernehmen. Die Institutionen der Bildung müssen daher Hand in Hand mit Eltern, Jugend- und Sozialämtern arbeiten. Nur eine stärkere Vernetzung kann ein optimale Förderung leisten.

An diesen neuralgischen Punkten muss über eine Reformierung des Datenschutzes nachgedacht werden. Eine optimale Vernetzung zum Wohl der Schüler kann nur erreicht werden, wenn der Datenschutz den Bedürfnissen der handelnden Ämter angepasst wird. Weder unsere Gesellschaft, noch unsere Wirtschaft können es sich leisten, dass Menschen durch willkürliche Raster fallen. Schlechte Bildung bedeutet immer auch ein gesellschaftliches Defizit und zudem einen wirtschaftlichen Schaden.

Kindertagesstätten

Für den Umbau unseres Bildungssystems muss besonders der Bereich der Kindertagesstätten eine Schlüsselrolle zugewiesen bekommen. Die Betreuung der Jüngsten entscheidet über die spätere Bildungslaufbahn, wie auch über die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten der Eltern. Die Kindertagesstätte dient nicht der Verwahrung, sondern legt durch die Interaktion innerhalb der Gruppe den Grundstein für soziale Schlüsselkompetenzen. Zudem ermöglicht die Kindertagesstätte auch Alleinerziehenden einem Teilzeiterwerb nachzugehen.

Es müssen deshalb Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren geschaffen werden.

Die mögliche Betreuungszeit muss dabei mindestens acht Stunden betragen. Um die Vermittlung der sozialen Schlüsselkompetenzen, und damit eine erfolgreiche spätere Beschulung zu gewährleisten, muss mindestens ein Jahr Kindergartenbesuch vor der Beschulung verbindlich sein. Spätestens bei der Einführung der Kindergartenpflicht muss die Gebührenfreiheit von Kindergärten festgeschrieben sein. Die Ausbildung des Personals soll aufgewertet werden, um den gewachsen Anforderungen an die Erzieher gerecht werden zu können. So müssen die Erzieher noch stärker als bisher qualifiziert sein, die Kinder fördern zu können. Besonders in den Fokus zu rücken sind hier Problemfelder, die durch unzureichende Betreuung durch die Eltern entstehen. So müssen zum Beispiel Logopädie, allgemeine Sprachkompetenz und Sport, wie auch die Integration von Immigrantenkindern einen größeren Raum in der Ausbildung der Erzieher erhalten. Um den Kindern einen besseren Übergang in die Primarstufe zu ermöglichen, sollen die Erzieher zudem schriftliche Abgangsberichte über die Stärken und Schwächen für die übernehmende Schule erstellen.

Mit der inhaltlichen Aufwertung der Kindertagesstätten muss auch eine strukturelle einhergehen. Die Eingliederung zum Bildungsministerium ist hier ein richtiger Schritt.

Weiterhin ist die langfristige Gebührenfreiheit anzustreben. Es kann nicht sein, dass ausgerechnet die wichtigste Schnittstelle einer Bildungslaufbahn durch Gebühren für Einige unpassierbar wird.

Schule allgemein

Um das Schulsystem allgemein effizienter zu gestalten, benötigt es eine erweiterte Zusatzausbildung für Schulleiter, damit diese ihren neuen administrativen Aufgaben insbesondere der Evaluation gerecht werden können. Eine strikte Trennung zwischen Lehrpersonal und Verwaltung ist abzulehnen und bedeutet für kleinere Schulen unnötige Bürokratisierung. Für viele Verwaltungsaufgaben wie z.B. die Erstellung des Stundenplanes, ist die Fachkompetenz des Lehrkörpers vonnöten In Flächenkreisen können Kooperationen und Zusammenschlüsse von Schulverwaltungen oder Schulen auch für die Zukunft und ihre rückgehenden Schülerzahlen eine gute Verbreitung von Schulen gewährleisten. Dies ermöglicht auch die Bereitstellung von Fachkräften, welche das lehrende Personal von administrativen Aufgaben entlasten können.

Die Schulen brauchen weiterhin eine zeitgemäße Ausstattung und vor allem muss der bauliche Zustand den Anforderungen entsprechen. Dazu gehört auch eine echte Lehrmittelfreiheit.

Die bisherigen Initiativen zur Erstellung eines Schulprofils sollen vorangetrieben werden. Indem die Schulen Verflechtungen mit dem Stadtteil/ der Stadt im Bezug auf außerschulische Angebote eingehen, kann die Attraktivität der Schulen gerade auch in Problemzonen erhöht werden. Das Schulprogramm kann dann auf regionale Besonderheiten angepasst werden beziehungsweise diese entscheidend prägen.

Die Integration von Förderschulen in das Dreigliedrige System ist wichtig, um die Förderung über Systemgrenzen zu ermöglichen. Die bestehende Trennung ist in unserer pluralistischen Gesellschaft eine weder pädagogisch/didaktisch noch bürokratisch begründbare Einrichtung.

Für die Zukunft muss geprüft werden, ob eine Anstellung der Lehrer nicht einer Verbeamtung vorzuziehen ist. Die bisherige Praxis der Verbeamtung schiebt die finanziellen Probleme des Landes nur an spätere Generationen ab. Zudem muss eine ernsthaft durchgeführte Evaluation auch die Möglichkeit einschließen können, die Kündigung durchführen. Diese ist als letzte Konsequenz auf schwere Verfehlungen, oder absolut unzureichender Leistungen zu sehen und nicht aufgrund betriebsbedingter Umstände.

Andererseits müssen als gut evaluierte und zusätzlich erbrachte Leistungen auch über flexible Zusatzvergütungen belohnt werden. In diesem Zusammenhang sind vorgeschriebene Präsenszeiten der Lehrer außerhalb ihrer Unterrichtszeit abzulehnen. Der Aufwand für die Errichtung der nötigen Büroräume ist zum Beispiel unnötig. Das Arbeitspensum ist zweckmäßiger über die Evaluation und verbindliche Standards zu kontrollieren und festzusetzen.

Evaluiert werden sollen inputorientierte Bildungsstandards. Dies sorgt für Gerechtigkeit und bannt die Gefahr eines „Geheimen Lehrplanes“, wie ihn ein Zentralabitur evoziert. Zudem ist allein derart eine horizontale Vergleichbarkeit gegeben. Abschlüsse werden somit aussagekräftiger. Zu dem bisherigen Notensystem soll eine Ergänzung durch Lernhefte geschaffen werden. Diese sollen dem Schüler die Möglichkeit geben, Selbstkompetenz aufzubauen, langfristige Entwicklungen aufzeigen und eine detailliertere Bewertung ermöglichen. Die Lernhefte entstehen in Zusammenarbeit von Schüler und Lehrer. Sie bezeichnen den Lernstand und das angestrebte Lernziel, sowie die Umsetzung desselben. Um Binnendifferenzierung erfolgreich durchführen zu können, muss der Klassenteiler zwangsläufig deutlich unterhalb 25 liegen.

Die Verhinderung des Doppelabweichler-Problems, durch die Abschaffung der gänzlich freien Wahl der weiterführenden Schulart durch die Eltern, ist richtig. Der Begriff Doppelabweichler meint Schüler, die eine Schulart besuchen, welche um mehr als eine Schulart von der Empfehlung ihrer Grundschule abweicht. Darauf aufbauend sollen Eltern stärker integriert werden. Elternabende sind kein lästiger Pflichttermin, sondern dienen dem Austausch zwischen Eltern/ Lehrern und Eltern/Eltern. Sie müssen einen verbindlichen Charakter erhalten. Im Ganzen, ist die Einbeziehung der Eltern in die Institution Schule voranzutreiben. Bereits heute leisten viele Eltern in ehrenamtlichen Tätigkeiten gute Arbeit. Über das Schulprofil können diese freiwilligen Arbeiten gefördert werden, indem sie zu größeren Komplexen zielgerichtet zusammengefasst werden.

Primarstufe

Vor der Aufnahme in die Primarstufe soll ein Test stehen, der Aufschluss über die erworbenen Fähigkeiten und Kompetenzen der Kinder gibt. Mögliche Schwächen werden so frühzeitig erkannt und können in einem Förderangebot, welches den normalen Stundenplan ergänzt, abgebaut werden. Somit kann eine spätere dem Potential nach obsolete Selektion vermieden werden und der Sozialverband Klasse bleibt erhalten.

Bis heute ist die Wirkung dieses Sozialverbandes, der Peers, auf die Kinder zwar erforscht worden, dennoch sind die Ergebnisse sind nicht im Schulsystem berücksichtigt worden.

Nach Möglichkeit muss versucht werden, Klassen mit kontrollierten heterogenen Strukturen zusammenzustellen. Leider korrelieren gegenwärtig häufig soziales Umfeld des Stadtteiles mit der Zusammensetzung des Klassenverbandes. Für optimales Lernen müssen jedoch diese zumeist sozialen Hürden abgebaut werden. Zielleitend ist es hier neben einer Attraktivitätssteigerung durch das Schulprogramm langfristig auch die Stadtplanung dahingehend zu beeinflussen, dass einseitige Besiedlung unterbleibt, um einer Stigmatisierung ganzer Stadtteil und Einzugsgebiete vorzubeugen.

Dass das deutsche System der Primarstufe grundsätzlich auf dem richtigen Weg ist, wird uns von Studien bestätigt. Daher sollte die Selektion der Kinder nach Schularten zumindest bis zum Ende der Klasse sechs verschoben werden. Es sind somit mehr Möglichkeiten gegeben, die Kinder zu fördern, bevor sie für eine weiterführende Schulart empfohlen werden.

Die Primarstufe sollte verlässliche Unterrichtszeiten bieten, die es auch Alleinerziehenden ermöglichen einer Teilzeitbeschäftigung nachzugehen. Zudem muss die 45-min.-Taktung aufgegeben werden. Die Bandbreite der Lehrinhalte und die verschiedenen fachspezifischen Anforderungen lassen sich nur in einem flexibleren System vermitteln. Schon heute arbeiten vielen Primarstufenlehrer inoffiziell nach eigenen Zeitrahmen, da in der Primarstufe viele zusammenhängende Stunden durch eine Lehrkraft geleistet werden. Eine Aufschnürung des 45 min.- Korsetts kann somit die Rahmenbedingungen für innovative und kreative Lehrkräfte verbessern und den Kindern gerechter werden.

Um den Unterricht weiter aufzuwerten und das kognitive Spektrum der Kinder besser fördern zu können, sollte ein Staatsvertrag mit den übrigen Bundesländern zur Einführung des Faches Englisch ab der dritten Klasse angestrebt werden.

Sekundarstufe Eins

Die Sekundarstufe eins sollte über alle Klassenstufen eine verbesserte Durchlässigkeit aufweisen. Das Prinzip des Selektierens nach Unten hat auf Grund der Anforderungen unserer Zeit keine Berechtigung mehr. Vielmehr müssen Lehr- und Lerninhalte der Sekundarstufe eins dahingehend modularisiert werden, dass ein Wechsel nach Unten wie nach Oben zum Anfang eines Schuljahres ohne Verluste möglich wird. Dies schließt selbstverständlich auch die Sprachkompetenzen ein. Es sollten in Zukunft keine Angebote mehr geschaffen werden, die allzu früh einen Bildungsweg determinieren. Dazu ist bisher noch keine ausreichende Betreuung der Abgänger der Gymnasien nach der zehnten Klasse gegeben. Die Schule muss hier den Übergang in das Erwerbsleben optimieren. Auch muss der Hauptschullabschluss aufgewertet werden, solange am dreigliedrigem System festgehalten wird. Die variable Ausgangsphase ist hier ein Schritt in die richtige Richtung. Mindeststandards müssen den Hauptschulabschluss stärken und eine zunehmende Aufweichung verhindern.

Es ist Abstand davon zu nehmen, die Lehrer Nachmittags in den Schulen zu kasernieren, um der öffentlichen Meinung zu gefallen. Die Arbeitszeit der Lehrer muss zweckmäßig über die Aufgaben, mit denen sie betraut werden, festgelegt und über Zusatzleistungen ergänzt werden. Leistung ist über Ergebnisse zu evaluieren und wird nicht ersessen.

Für eine optimale Förderung ist vor allem auch die Selbstkompetenz der Schüler entscheidend.

Es ist deshalb zweckmäßig, eine morgendliche variable Eingangsphase zwischen acht und neun Uhr mit einer Anwesenheitspflicht von dreißig Minuten einzuführen. Die Schüler sollen dort mit einem Lehrer einen Tagesplan abstecken, mit dem sie sich selbst unter Beratung Anforderungen und Ziele setzen.

Um dieses breite Bildungsangebot aufbauen zu können, muss die Sekundarstufe eins als Ganztagesschule ausgeführt werden. Eine Vernetzung auch mit externen Partnern wie zum Beispiel Sportvereinen oder Forschungseinrichtungen soll zum Einen die Angebotspalette der Schule erweitern, als auch das geschlossene System Schule aufbrechen und den Schülern größere Möglichkeiten der Bildung bieten und Schlüsselqualifikationen fördern.

Zu diesem Zweck sollte auch das Fach WiPo aufgewertet werden. Es ist zielführend, diese flächendeckend in der Sekundarstufe eins einzuführen. An der Schule selbst kann die Erprobung der Schlüsselkompetenzen über die paritätische Besetzung der Ausschüsse geschehen. So ist insbesondere das Schulprofil mit den Schülern zu erstellen. Die Schüler können sich hier als mündige Bürger erproben.

Sekundarstufe Zwei

In der Sekundarstufe zwei muss das Kurssystem ab Klasse zehn eingeführt werden.

Es ermöglicht die Modularisierung und bietet den Schülern bessere Bildungsmöglichkeiten.

Die Modularisierung ermöglicht es den Schülern Schwerpunkte zu setzen und somit frühzeitig auf Ausbildung und Studium vorbereitet zu werden. Ein ganzheitliches Curriculum muss dabei ein breite Basis der Bildung zur Pflicht machen. Die Modularisierung bietet zudem die horizontale Vergleichbarkeit von Bildungsabschlüssen. Dies ist nötig, um durch Rahmenbedingungen Qualifikationen zur Weiterbildung zu benennen. Ziel ist es, den Bildungsprozess individueller an die Lebens- und Berufsplanungen und Forderungen anzupassen.

Langfristig erlaubt es die Modularisierung in Verbindung mit den übrigen Reformen zudem, eine zehnjährige Regelschule einzuführen.

Die Möglichkeiten dieser sollen in der Zukunft eingehend geprüft werden. Jedoch muss von vorneherein klar sein, dass dieser entscheidende Schritt nur gemacht werden kann, wenn er von der Bevölkerung mitgetragen wird. Die Menschen in unserem Land müssen daher verstärkt in die Diskussion über das Bildungswesen integriert werden. Wir wollen durch Argumente überzeugen und nicht die Durchsetzung von Dogmen erzwingen.

Die Abschaffung des bloßen Prinzips der Selektion nach eindimensionalen Kriterien beginnen wir schon heute. Dennoch muss deutlich werden, dass ein vollständiger Systemwechsel nicht die Angelegenheit eines politischen Willensaktes einer Wahlperiode sein kann.

Lehrerausbildung

Um das Bildungssystem zu optimieren, muss auch die Lehrerausbildung wieder in den Fokus genommen werden. Es gibt fast nicht zuverlässigeres, als die Prognosen über Schülerzahlen und benötigte Lehrkräfte. Hier muss endlich eine langfristige Planung erfolgen, damit nicht periodenartige Einstellungsschübe von jahrelange Agonie verfolgt werden. Ansonsten drohen wechselseitig Überalterung beziehungsweise die Aufnahme von ungeeignetem Personal in den Lehrberuf.

In vielen Fällen wird die Attraktivität des Lehrerberufs nicht über Berufsspezifische Anforderungen begründet, sondern über Versorgungssicherheit und Teilzeitkompatibilität.

Bildung ist zu wichtig, um von unmotiviertem und ungeeignetem Personal durchgeführt zu werden. Deshalb muss der Anteil der Praktika im Lehramtsstudium erhöht werden. Es ist zu begrüßen, dass seit einigen Jahren der Praxisanteil im Studium durch Praktika und vor- und nachbereitende Kurse in Pädagogik und Fachdidaktik erhöht wurde. Dieser Weg muss weiter beschritten werden. Die Umsetzung sollte in Zukunft aber in engerer Abstimmung mit den Universitäten erfolgen. Probleme und Missverständnisse zwischen Administration und Universitäten haben unter anderem dazu geführt, dass die vorgegebenen Regelstudienzeiten mitunter zu einer Farce verkommen. Etwaige Änderungen der Studienordnungen sind deshalb auch auf den Haushalt der Universitäten hin zu überdenken. Nur eine überlegte, den Mitteln der Universitäten angemessene, Studienordnung kann ein gutes und straffes Studium ermöglichen.

Zur Ausbildung der Lehrer gehört immanent das zweite Staatsexamen. Es darf niemand an den Schulen lehren, der nicht über dieses verfügt, oder es in dieser Situation anstrebt.

Quereinsteiger aus Forschung und Wirtschaft, sind jedoch prinzipiell zu fördern.

Die Ausbildung eines modularen Bildungssystems macht für diese ein angemessenes Aufbaustudium der Pädagogik und Fachdidaktik möglich, welches zum Lehren qualifiziert. Um den Lehrkörper mit dem aktuellem Forschungsstand zu verknüpfen, müssen verbindliche Fortbildungen eingeführt werden. Diese müssen für den Lehrkörper kostenfrei und mit der Arbeitszeit vereinbar sein.

Hochschule

Die Einführung der Bachelor und Master Studiengänge birgt viele Chancen, aber auch Gefahren. Der heterogene Bildungsraum Europas wächst zusammen. Schleswig-Holstein kann sich jetzt durch rechtzeitige Entscheidungen einen großen Vorsprung erarbeiten. Im Bologna-Prozess ist, bis 2010 eine vollständige Umstellung auf BA/MA (Bachelor, Master) vorgesehen.

Diese einschneidende Umstellung wollen wir als Gelegenheit verstehen, unser Hochschulsystem auf die Anforderungen unserer Zeit und der Zukunft hin zu verändern. Der Bachelorabschluss muss daher als berufsqualifizierender Abschluss konzipiert sein; nur so kann unsere Hochschullandschaft im europäischen und internationalen Vergleich bestehen. Das bisherige System der Akkreditierung von Studiengängen über Peers ist jedoch ungeeignet. Die Akkreditierungen unter Sachzwängen sind ein bloßes Feigenblatt für unverantwortlichen Wildwuchs und müssen deshalb nach festgelegten Leistungskriterien erfolgen. Universitäten und Fachhochschulen sollen dann über Zielpläne mit dem Land, zu einer leistungsfähigen Hochschulstruktur verknüpft werden. Das Prinzip regelmäßiger Zielvereinbarungen ist daher zu institutionalisieren. Die Lenkungswirkung des Landes darf dabei nicht für Strukturpolitik missbraucht werden. Konkret bedeutet dies für Schleswig-Holstein zum Beispiel die Zusammenlegung der teuren und wissenschaftlich nicht lebensfähigen Medizinstudiengänge und Kliniken zu einer Verwaltung, von Forschung und Lehre an einem Standort. Die Fakultät erhält somit auch effektivere Möglichkeiten, Drittmittel einzuwerben und die Vernetzung der Forschung mit der örtlichen Wirtschaft zu fördern.

In dem Rahmen der institutionalisierten Zielvereinbarungen müssen die Universitäten auch mit einer verlässlichen Finanzierung ausgestattet werden. Die abgeschlossenen Zielvereinbarungen sind hier als großer Durchbruch zu werten. Wird dies als Anfang eines Prozesses begriffen, können die Hochschulen des Landes gegenüber ihren Konkurrenten stark aufgewertet werden. Dazu gehört auch, ebenfalls Zielvereinbarungen mit dem Studentenwerk Schleswig-Holstein abzuschließen. Dieses muss ebenfalls verlässliche Finanzierungsabsprachen erhalten, um den bereits erfolgreich eingeschlagenen Weg der Modernisierung weiterzugehen. Das Studentenwerk Schleswig-Holsteins ist eines der fortschrittlichsten und zugleich wirtschaftlichsten der Bundesrepublik. Es hält für die Studierenden eine Vielzahl von unverzichtbaren Angeboten vor und stellt damit einen strategischen Standortvorteil der Hochschulstruktur unseres Landes dar.

Ähnlich verhält es sich mit dem Semesterticket. Dies sollte, ähnlich wie in anderen Bundesländern, auf die gesamte Fläche mit Optionen auf Zubringer zu den Flughäfen Hamburg und Bremen, sowie das Land Berlin ausgeweitet werden.

Das BAFÖG ist in Zukunft von unrealistischen Regelstudienzeiten zu lösen.

Es ist ein flexiblerer Bemessungsrahmen anzusetzen, der unter Anderem auch Teilzeitstudiengänge ermöglicht.

Diese sollen ein Präsenzstudium auch neben einem Beruf gangbar machen.

Somit kann das Studium flexibilisiert und in der Attraktivität gesteigert werden.

Um die Konkurrenzfähigkeit der Universitäten weiter auszubauen, muss ein verstärktes Augenmerk auf den Aufbau von Partnerschaften zu Universitäten im Ausland gelegt werden. Diese sind nicht zuletzt auch Grundlage für erweiterte Austauschmöglichkeiten der Studierenden. Das Zusammenwachsen des europäischen Hochschulraumes begünstigt jene, welche sich schon jetzt Partner suchen, um attraktive Angebote vorhalten zu können.

Ein weitere Vernetzung schafft die Förderung von Alumni-Verbänden.

Somit können Absolventen und Praktikanten, Forschungsergebnisse und Wirtschaft verknüpft werden. Die breite Evaluation der Dozenten nach wissenschaftlichen wie didaktischen Kriterien schafft die Möglichkeit zur differenzierten Besoldung und zur Berufung nach differenzierten Anforderungen. Auf diese Weise ist die Bedeutung der Lehre neben der Forschung aufzuwerten. Damit die Universitäten, die an sie durch die Zielvereinbarungen abgegebene Autonomie auch sinnvoll verwerten können, ist eine größere politische Beteiligung der Studierenden in den Gremien der Universitäten unerlässlich, um Kontrollfunktionen zu schaffen.

Der Verwaltungsapparat der Universitäten muss deshalb, den neuen Anforderungen durch Evaluation, leistungsabhängige Besoldung der Dozenten und größere Beteiligung der Studierenden in den Gremien, angepasst werden.