Grundwert Arbeit auch für Frauen (1977)

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Gremium: Landesparteitag
Sitzung: Landesparteitag Bad Bramstedt 1977
Bezeichnung:
Antragsteller: Nicht aufgeführt


Beschluss: Angenommen

(Veröffentlicht in: „Zur Sache“ Nr. 5, 1977 - Herausgeber: SPD-Landesverband Schleswig-Holstein)


  1. Das Recht auf Arbeit ist unteilbar. Es muss für alle Menschen, für Frauen und Männer, Jugendliche und Ältere und Behinderte in den Verfassungen des Bundes und der Ländern verankert werden.
  2. Das Recht auf Arbeit ist als Grundwert des demokratischen Sozialismus das Fundament sozialdemokratischer Politik. Der Kampf um das Recht auf Arbeit ist die geschichtliche Wurzel der SPD. Das Recht auf Arbeit ist ein Fundament sozialdemokratischer Politik. Das Recht auf Arbeit gibt den Grundwerten Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität (Godesberger Programm) erst ihren konkreten Sinn.
  3. Arbeit bedeutet für Sozialdemokraten mehr als Vollbeschäftigung und Geldverdienen. Das heißt, dass der Mensch sich durch seine Arbeit verwirklichen kann.
  4. Das Recht auf Arbeit für Frauen und Männer ist Voraussetzung für Wahlmöglichkeiten ihrer Lebensform. Weder dem Mann noch der Frau darf aufgezwungen werden, sich entweder für Erwerbstätigkeit oder für Familie entscheiden zu müssen. Beide haben das gleiche Recht auf Arbeit und das gleiche Recht auf Familie und Kindererziehung.
  5. Das Recht auf Arbeit ist gefährdet,
    • weil die Investitionen der Wirtschaft sich einseitig am privatwirtschaftlichen Gewinnstreben orientieren;
    • weil die Lasten von Wirtschaftskrisen einseitig den Arbeitnehmern aufgebürdet werden;
    • weil der Anspruch junger Menschen auf Ausbildungs- und Arbeitsplätze nicht erfüllt wird;
    • weil in den öffentlichen Haushalten Sparpolitik zu Lasten von Arbeitsplätzen betrieben wird und durch Privatisierung Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst verloren gehen;
    • weil Rationalisierung und Automatisierung schneller fortschreiten als die Bereitstellung neuer Arbeitsplätze;
    • weil Arbeitnehmer von den Arbeitgebern aus ihren Betrieben ausgesperrt werden können;
    • weil von privaten Arbeitgebern ausgeklügelte Persönlichkeitstests angewendet werden, die tief in die persönliche Sphäre der Bewerber um einen Arbeitsplatz eingreifen;
    • weil die regionale und überregionale Strukturpolitik ein ausreichendes Arbeitsplatzangebot nicht garantiert;
    • weil durch Zentralisation und Konzentration wirtschaftlicher Macht der Wettbewerb zunehmend ausgeschaltet wird.
  6. Das Recht auf Arbeit ist für Frauen besonders gefährdet,
    • weil Frauen traditionell von der Gesellschaft die Aufgabe zugewiesen wird, im privaten Bereich die Versorgung des Haushalts, die Erziehung der Kinder, Hilfe für Pflegebedürftige und die Wiederherstellung der Arbeitskraft der Männer leisten;
    • weil Mädchen schon in Familie und Schule rollenspezifische Lerninhalte und Verhaltensmuster eingeübt werden, die ihre Berufswahl beschränken;
    • weil durch die Existenz eines für Männer und Frauen geteilten Arbeitsmarktes die Mehrheit der Frauen in ihrer Berufswahl und ihren Berufschancen eingeengt werden;
    • weil Frauen immer noch keine oder nur eine geringere Ausbildung erhalten;
    • weil die gesellschaftlichen Verhältnisse viele Frauen zur Übernahme von Teilzeitarbeit zwingen, mit den Folgen: hohes Arbeitsplatzrisiko - keine Aufstiegschancen - unzureichende soziale und wirtschaftliche Sicherung;
    • weil die Mehrfachbelastung durch Beruf und Familienaufgaben verhindert, dass Frauen beruflich aufsteigen und gesellschaftliche Aufgaben wahrnehmen können;
    • weil Frauen durch Machtstrukturen und Vorurteile an Erwerbstätigkeit, Beruf und Aufstieg gehindert werden.
  7. Sozialdemokratische Politik muss deshalb für alle Menschen, die arbeiten können und arbeiten wollen, sicherstellen die Verwirklichung
    • des Rechts auf Bildung und Ausbildung,
    • des Rechts auf einen Arbeitsplatz,
    • des Rechts auf soziale Sicherheit,
    • des Rechts auf Menschlichkeit und Demokratie in der Arbeitswelt.
  8. Die Verwirklichung des Rechts auf Arbeit ist das politische Ziel und der Maßstab, mit dem die Glaubwürdigkeit und die politische Praxis der Sozialdemokraten in Regierung, Parlamenten und Partei gemessen werden.