Kleine Schritte - Große Zukunft

Aus Beschlussdatenbank der SPD Schleswig-Holstein
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Gremium: Landesparteirat
Sitzung: Landesparteiratssitzung, Mai 2026
Bezeichnung: B01
Antragsteller: Landesvorstand


Beschluss: Angenommen


Frühkindliche Bildung in Schleswig-Holstein stärken

Frühkindliche Bildung entscheidet über Lebenswege. In der Kita werden die Grundlagen für Sprachentwicklung, soziale Kompetenz, Teilhabe und demokratisches Bewusstsein gelegt. Hier entscheidet sich, ob Herkunft Zukunft bestimmt oder ob wir echte Chancengerechtigkeit verwirklichen.

Wir als Sozialdemokrat:innen stehen dafür:

Jedes Kind hat ein Recht auf gute Bildung und Betreuung. Jede Familie hat Anspruch auf Unterstützung. Und jede Fachkraft verdient Arbeitsbedingungen, die Qualität ermöglichen. Schleswig-Holstein braucht jetzt eine strukturelle Stärkung der frühkindlichen Bildung: verlässlich finanziert, fachlich fundiert und sozial gerecht.

1. Familien stärken – Prävention konsequent ausbauen

Frühe Hilfen, Familienzentren und Familienbildung müssen dauerhaft gestärkt, verlässlich finanziert und niedrigschwellig zugänglich sein – als verbindlicher Kern präventiver Bildungs- und Sozialpolitik.

Bildung beginnt nicht erst mit dem Eintritt in die Kita. Die Grundlagen für gelingende Bildungsbiografien werden in den ersten Lebensjahren gelegt – in den Familien. Deshalb sind Frühe Hilfen, Familienzentren und Familienbildungsstätten keine ergänzenden Angebote, sondern zentrale Bausteine einer vorausschauenden Bildungs- und Sozialpolitik. Sie verbinden Beratung, Elternbildung, Gesundheitsförderung, Prävention und soziale Unterstützung zu einem ganzheitlichen Ansatz.

Ihre besondere Stärke liegt in der Vernetzung und im frühzeitigen Zugang: Familienzentren lotsen niedrigschwellig in passende Unterstützungsangebote. Frühe Hilfen stabilisieren Familien in belasteten Lebenslagen, bevor sich Problemlagen verfestigen. Familienbildung stärkt Erziehungs- und Alltagskompetenzen und fördert die Bildungsbeteiligung von Anfang an. Diese Strukturen wirken präventiv, sichern gesellschaftliche Teilhabe und vermeiden spätere, häufig deutlich kostenintensivere Eingriffe im Jugendhilfe-, Gesundheits- oder Bildungssystem. Jeder Euro in frühe Prävention ist eine Investition in Chancengerechtigkeit und soziale Stabilität.

Deshalb fordern wir:

·        eine bedarfsgerechte und dauerhaft abgesicherte Finanzierung in einer abgestimmten Förderstruktur für Frühe Hilfen, Familienzentren und Familienbildungsstätten

·        Niedrigschwelligen, unbürokratischen Zugang ohne Stigmatisierung

·        Die Weiterentwicklung von Familienzentren als integrierte Anlaufstellen, die Bildung, Beratung und Prävention systematisch bündeln

Prävention ist keine freiwillige Leistung. Sie ist nachhaltige Sozialpolitik.

2. Qualität sichern. Verlässlichkeit schaffen. Finanzierung stärken. Digitalisierung ausbauen.

Kitas müssen qualitativ hochwertige Bildungsorte und verlässliche Partner für Familien sein – mit stabilen Personalschlüsseln, planbaren Öffnungszeiten und gleichwertigen Standards im ganzen Land. Dafür braucht es den Ausgleich regionaler Unterschiede sowie eine auskömmliche und planbare Finanzierung, die verlässliche Rahmenbedingungen dauerhaft sichert. Doch genau diese Grundlagen geraten in Schleswig-Holstein zunehmend unter Druck.

Trotz Kita-Reform fehlen in einigen Regionen weiterhin Betreuungsplätze. Gleichzeitig geraten viele Einrichtungen finanziell an ihre Grenzen. Die Pauschalen decken reale Kostensteigerungen – etwa durch Tarifentwicklungen, Energiepreise oder steigende Sachkosten – häufig nicht vollständig ab. Investitionen werden verschoben, Sanierungen aufgeschoben, notwendige Modernisierungen unterlassen. Das schwächt nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Zukunftsfähigkeit des Systems. Komplexe und kleinteilige Förderinstrumente binden zudem erhebliche Verwaltungsressourcen. Zeit und Personal, die eigentlich in pädagogische Qualität, Teamentwicklung und Konzeptarbeit fließen sollten, werden für Antragsverfahren und Verwendungsnachweise eingesetzt. In der aktuellen Ausgestaltung des Finanzierungssystems entscheidet die kommunale Finanzkraft faktisch über Rahmenbedingungen und Qualität. Finanzstarke Kommunen können ergänzen und ausgleichen, finanzschwächere Kommunen hingegen nicht. Das führt zu unterschiedlichen Personalschlüsseln, Ausstattungsstandards und Entwicklungsmöglichkeiten und damit zu ungleichen Bildungs- und Betreuungsbedingungen. Der Anspruch auf gleichwertige Lebensverhältnisse wird so unterlaufen.

Besonders spürbar wird dies im Alltag der Einrichtungen: Krankheits- und Ausfallzeiten sind nicht realistisch refinanziert. Vertretungsbedarfe sind strukturell eingepreist, aber nicht auskömmlich hinterlegt. Viele Kitas arbeiten dauerhaft an der Belastungsgrenze. Die Folgen sind reduzierte Öffnungszeiten, Notbetreuung, Gruppenzusammenlegungen und eingeschränkte pädagogische Angebote. Für Familien bedeutet das Unsicherheit in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Für Kinder bedeutet es weniger Kontinuität. Für Fachkräfte bedeutet es steigenden Druck und wachsende gesundheitliche Belastung. Verlässliche Kitas brauchen verlässliche Rahmenbedingungen. Qualität entsteht nicht unter Dauerstress, sondern durch stabile Teams, ausreichende Ressourcen und planbare Strukturen.

Frühkindliche Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ihre Finanzierung darf nicht von Haushaltslagen oder regionaler Steuerkraft abhängen, sondern muss auskömmlich, gerecht und strukturell abgesichert sein – damit Kitas ihre Aufgabe  dauerhaft und zuverlässig erfüllen können.

Wir fordern daher:

·        Eine auskömmliche und dynamisierte Finanzierung des SQKM (Standard-Qualitäts-Kosten-Modell), die realen Kostenentwicklungen verbindlich abbildet – ohne Absenkung von Qualitätsstandards

·        Eine verbindliche und gerechte Lastenverteilung zwischen Land und Kommunen, die regionale Unterschiede ausgleicht

·        Langfristige, planbare Investitionsprogramme für Neubau, Ausbau und Sanierung

·        mit klarer Zweckbindung

·        Eine deutliche Entbürokratisierung und Vereinfachung von Förderinstrumenten

·        Eine realistische und vollständig refinanzierte Abbildung von Krankheits- und Ausfallzeiten zur Sicherung stabiler Personalschlüssel und verlässlicher Öffnungszeiten.

·        Eine Weiterentwicklung des Kita-Portals SH zu einem interaktiven Steuerungs- und Informationsinstrument für Träger, Kommunen, Fachkräfte und Eltern

Frühkindliche Bildung ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Sie braucht Rahmenbedingungen, die Qualität sichern, Verlässlichkeit garantieren und Chancengerechtigkeit ermöglichen.

3. Fachkräfteoffensive: Ausbildung modernisieren, Arbeitsbedingungen verbessern

Gut ausgebildete und ausreichend unterstützte Fachkräfte sind die zentrale Voraussetzung für Qualität in der frühkindlichen Bildung. Wir setzen uns für eine umfassende Fachkräfteoffensive ein, die Ausbildung, Qualifizierung und Arbeitsbedingungen systematisch stärkt und den Beruf nachhaltig attraktiver macht.

Der Handlungsbedarf ist deutlich: Ausbildung und Berufsbedingungen halten mit den gewachsenen Anforderungen vielfach nicht Schritt. Die Ausbildung ist häufig unvergütet oder finanziell nicht tragfähig. Gleichzeitig steigen die fachlichen Anforderungen kontinuierlich – etwa in den Bereichen Inklusion, Sprachförderung, Kinderschutz, multiprofessionelle Zusammenarbeit, Elternarbeit und digitale Kompetenzen. Wir brauchen eine echte Fachkräfteoffensive, die Ausbildung und Arbeitsbedingungen

zusammendenkt.

Ausbildung stärken:

·        Einführung einer vergüteten Ausbildung für alle pädagogischen Berufe; bis dahin: Ausbau und Refinanzierung praxisintegrierter, dualer und berufsbegleitender Modelle, auch im ländlichen Raum

·        Verbindliche und einheitliche Aufnahme zentraler Zukunftsthemen in Ausbildungsrahmenpläne (Kinderschutz, Kinderrechte, Inklusion, interkulturelle Kompetenz, Sprachbildung, sozial-emotionale Entwicklung, digitale Medienkompetenz)

Arbeitsbedingungen verbessern:

·        Überarbeitung des Anstellungsschlüssels und Sicherstellung einer realistischen Mindestanwesenheit.

·        Verbindlich gesicherte Verfügungszeiten für Planung, Reflexion und Elternarbeit

·        Einführung einer verpflichtenden Leitungsqualifikation als Voraussetzung für die Tätigkeit als Kita-Leitung

·        Ausreichende Freistellung von Leitungskräften.

·        Ausbau nichtpädagogischer Unterstützung (Verwaltung, Hauswirtschaft)

Gute Fachkräfte bleiben nur, wenn sie gute Bedingungen vorfinden.

4. Bildungsgerechtigkeit sichern – Zugang stärken, Beiträge entlasten

Der Zugang zu frühkindlicher Bildung muss unabhängig vom Einkommen der Eltern gesichert sein. Wir setzen uns für eine spürbare Entlastung von Familien ein und wollen Elternbeiträge sozial gerecht gestalten und schrittweise senken.

Kurzfristig bedeutet das:

·        Keine weiteren Beitragserhöhungen

·        Konsequente Beitragsabsenkung

·        Soziale Staffelung, die auch Familien ohne Transferleistungen wirksam entlastet

·        Volle Geschwisterermäßigung ab dem zweiten Kind

Unser Ziel bleibt die Beitragsfreiheit.

5. Inklusion, Sprachförderung und Übergänge systematisch stärken

Inklusive Bildung heißt: Jedes Kind gehört dazu. Die Realität zeigt jedoch, dass Ressourcen, nachhaltige Fachberatungen und strukturelle Voraussetzungen häufig fehlen. Inklusion ist kein Zusatzauftrag, sondern Kernaufgabe frühkindlicher Bildung.

Wir setzen uns ein für:

·        Bauliche Barrierefreiheit in allen Einrichtungen

·        Flexible Gruppengrößen und zusätzliche personelle Ressourcen für inklusive Settings

·        Weiterentwicklung der Kompetenzzentren Inklusion

·        Verbindliche Fort- und Weiterbildungsangebote für Fachkräfte zu Neurodiversität und inklusiver Pädagogik

·        Sicherung und flächendeckender Ausbau der Sprachkitas, Perspektiv-Kitas und von EVi (Entwicklungsfokus-Viereinhalb)

·        Verbindliche Verankerung inklusiven Kinderschutzes

Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in der frühkindlichen Bildung braucht einen klaren Stufenplan.

6. Kostenfreie und sozial gerechte Kita-Verpflegung sicherstellen

Ein gesundes Frühstück und Mittagessen gehören zu Bildungsgerechtigkeit und sozialer Teilhabe. Gemeinsame Mahlzeiten sind fester Bestandteil des pädagogischen Alltags in der Kita und fördern Gesundheit, Konzentration und soziales Lernen. Gleichzeitig dürfen Verpflegungskosten nicht dazu führen, dass Familien trotz gedeckelter Elternbeiträge zusätzlich belastet werden. Die bisher getrennte Finanzierung von Verpflegungs- und Betreuungskosten schafft soziale Ungleichheiten und verursacht unnötige Bürokratie durch zusätzliche Antrags- und Abrechnungsverfahren. Deshalb wollen wir die Verpflegungskosten an die bestehende Sozialstaffel koppeln und in die Betreuungskosten aufnehmen. Perspektivisch wollen wir eine kostenfreie Kita-Verpflegung ermöglichen. So entlasten wir Familien, stärken echte Teilhabe und schaffen zugleich einfachere und effizientere Verwaltungsstrukturen.

Wir brauchen ein gemeinsam von Bund und Ländern getragenes Programm für ein kostenfreies Mittagessen in Kitas. Dabei sind verbindliche Qualitätsstandards, Nachhaltigkeit, kulturelle Vielfalt und Ernährungsbildung mitzudenken. Bildung und Teilhabe dürfen nicht am Mittagstisch enden.

7. Qualität, Demokratie und Partizipation verbindlich verankert

Frühkindliche Bildung braucht überprüfbare, alltagstaugliche Qualitätsstandards. Bildungsleitlinien und KiTaG müssen enger verzahnt und kontinuierlich weiterentwickelt werden. Monitoring darf kein Kontrollinstrument sein, sondern ein Steuerungsinstrument zur Qualitätsentwicklung.

Gleichzeitig gilt: Demokratie beginnt in der Kita. Kinder haben ein Recht auf Beteiligung. Eltern sind Bildungspartner.

Deshalb setzen wir uns ein für:

·        Verbindliche Beteiligungskonzepte in jeder Kita

·        Stärkere Verankerung von Kinderrechten, Demokratiebildung und Kinderschutz in Bildungsleitlinien und im KiTaG

·        Fortbildungs- und Fachberatungsangebote zur demokratischen Bildung

Kitas sind Lernorte, aber auch Erfahrungsräume für Demokratie.

8. Kindertagespflege gleichwertig absichern

Kindertagespflege ist ein unverzichtbarer Bestandteil der frühkindlichen Bildungs- und Betreuungslandschaft. Gerade für Kinder unter drei Jahren sowie im ländlichen Raum gewährleistet sie wohnortnahe, flexible und familiennahe Betreuung. Ohne sie wäre eine bedarfsgerechte Versorgung vielerorts nicht möglich.

Sie müssen strukturell gleichgestellt werden:

·        Angemessene, landesweit angeglichene Anerkennungsbeiträge

·        Realistische Sachkostenpauschalen

·        Dynamisierung entsprechend Tarif- und Preisentwicklung

·        Refinanzierung von Fortbildung, Kinderschutzvorgaben und Verwaltung

·        Verlässliche Vertretungsregelungen